Der Zustand der totalen Erschöpfung: Zur Bezeichnung Burnout-Syndrom und warum eine Depression etwas anderes ist

„Z73: Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ – so ordnet das internationale Klassifikationssystem der Krankheiten (ICD 10) das ein, was heute Medienberichten zufolge immer mehr Krankschreibungen zur Folge hat: Das Burn-out-Syndrom. Häufig werden dabei viele Begriffe in einen Topf geworfen: Erschöpfung, Niedergeschlagenheit, chronischer Stress bis hin zur Depression.

Tatsächlich existiert keine eigenständige Diagnose namens Burn-out-Syndrom. Das ICD ordnet die Symptome des Ausgebrannt-seins unter die so genannten Z-Diagnosen. Das sind alle Diagnosen, die nicht als Krankheit, Verletzung oder äußere Ursache unter den üblichen Kategorien klassifizierbar sind. Der Techniker Krankenkasse zufolge gingen in 2013 von jeweils 100 Versicherten 22 Arbeitsunfähigkeitstage auf das Konto der Diagnose „Z73“. Depressionen, die in der Sprache des ICD unter F32 oder F33 fallen verursachten bei 100 Versicherten 178 Fehltage.

Der Begriff Burn-out wurde geprägt von dem deutsch-amerikanischen Psychologen Herbert Freudenberger, der 1974 erstmals dazu veröffentlichte. Er untersuchte den Erschöpfungszustand von freiwilligen Helfern an einem Zentrum für Suchtkranke, das er in New York aufgebaut hatte. Heute gilt Burn-out als Oberbegriff für einen Zustand von Erschöpfung und Überforderung, die in schwerwiegende Erkrankungen münden können. Eine klinisch behandlungsbedürftige Depression ist eine davon, diese ist aber nicht mit Burn-out gleichzusetzen. Vielmehr ist ein Erschöpfungszustand eine von mehreren Ursachen, die in eine Depression oder auch eine Angsterkrankung münden können.

Was versteht man unter einer Depression?

Depressive Erkrankungen gehören zu den so genannten affektiven Störungen. Darunter sind verschiedene Krankheiten zusammengefasst, die mit einer massiven Veränderung der Stimmungslage einhergehen.

In der Medizin wird je nach Verlauf zwischen zwei Hauptgruppen unterschieden: Unipolare und bipolare Störungen. Mit bipolar ist gemeint, dass starke Schwankungen zwischen den beiden Polen Manie und Depression bestehen. Betroffene erleben sich abwechselnd als übermäßig aktiv, geradezu überschwänglich und extrem niedergeschlagen. In ihren manischen Phasen sind sie voller Tatendrang und bereit Risiken einzugehen. Dabei tun sie oft Dinge, die sie später bereuen, wie Kredite aufnehmen oder von einem Tag auf den anderen den Job kündigen, ohne sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Am Ende dieses Höhenflugs erwarten sie Niedergedrücktheit und Verzweiflung. Die Redewendung himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt fasst die beiden Pole gut zusammen, wobei die einzelnen Phasen jeweils zwischen einigen Tagen bis zu mehreren Wochen und Monaten bestehen können.

Bei den unipolaren Depressionen wird weiter unterschieden zwischen der depressiven Episode (F32), die leicht, mittelgradig oder schwer ausfallen kann und der wiederkehrenden, rezidivierenden Störung (F33) (die ebenfalls in den drei Ausprägungen ausfallen kann). Schließlich kennt die Diagnostik noch die Dysthymie (F34.1). Bei dieser Erkrankung liegen die Symptome der Depression zwar in einem geringeren Ausmaß vor als bei einer depressiven Episode, halten aber mindestens zwei Jahre an. Die Betroffenen sind über einen langen Zeitraum hinweg traurig oder niedergeschlagen, schlafen schlecht, grübeln und fühlen sich unzulänglich, kommen aber mit den Anforderungen des Alltags zurecht.

Bei einigen Menschen liegt zusätzlich zur Depression ein somatisches Syndrom vor. Diese Form der Depression ist besonders schwerwiegend, da die Betroffenen stärker suizidgefährdet sind und manchmal auch psychotische Neigungen entwickeln. Damit sind Wahnvorstellungen und Halluzinationen gemeint, die bei besonders schwerwiegenden depressiven Episoden auftreten können. Besonders ausgeprägt sind der Verlust an Interessen und Aktivitäten, die früher einmal Freude bereitet haben sowie die mangelnde Fähigkeit auf emotionale Signale der Umgebung zu reagieren (gemeinsam lachen, Freude und Ärger teilen, miteinander streiten, Zuneigung empfinden). Hinzu kommt, dass sich diese Menschen morgens sehr lange in einem Morgentief befinden und nur schwer wach werden. Sie sind reizbar und leiden unter krankhafter Unruhe oder psychomotorischer Hemmung, was sich in verlangsamten Bewegungsabläufen äußert. Appetitverlust, Gewichtsabnahme und der Verlust von erotischen Bedürfnissen können hinzukommen.

Wie verbreitet sind Depressionen?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldet für Europa diese Verteilung:

infografik_WHO
Infografik der WHO zu Häufigkeit von Depressionen innerhalb der EU (der Begriff „major depression“ entspricht der deutschen „depressiven Episode“ (s.o.)

 

Depressionen sind eine der häufigsten Formen der psychischen Erkrankung. Im Zeitraum von einem Jahr erkranken 12 Prozent der Menschen in Deutschland zwischen 18 und 65 Jahren an einer depressiven Störung. Das bedeutet, dass fast sechs Millionen Menschen medizinische Hilfe wegen einer Depression benötigen. Erheblich größer ist die Zahl derer, die im Laufe ihres Lebens betroffen sind: 25 Prozent der Frauen und 12 Prozent der Männer, insgesamt also fast jeder Fünfte, erkranken an einer Depression.

Depressionen können in jedem Lebensalter auftreten. Auch Kinder und Jugendliche sind von der Krankheit betroffen. Die meisten erkranken zwischen dem 15. und dem 30. Lebensjahr zum ersten Mal.

Die Zahlen zeigen, dass Frauen häufiger an einer Depression leiden als Männer. Für diesen Unterschied gibt es verschiedene Erklärungsversuche. Sprechen Männer anders über ihre Symptome als Frauen? Einige Männer reagieren auf Niedergeschlagenheit eher mit Gereiztheit und Aggressionen. In der Wissenschaft gibt es verschiedene Theorien dazu, warum dies so ist. Eine eindeutige Erklärung wurde bisher nicht gefunden. Tatsache ist aber, dass Frauen zu einem früheren Zeitpunkt erkranken und auch ein höheres Rückfallrisiko haben.

(Zahlen: Robert Koch Institut, 2015)

Keine Angst vor einer Therapie

Völlig unabhängig davon, ob wir bei uns selbst Anzeichen von Erschöpfung à la Z73 oder einer Depressionserkrankung feststellen – besser ist es, nicht zu lange mit einem Termin bei einem Fachtherapeuten zu warten. Es ist gut zu wissen, dass Betroffene mit dieser Erkrankung nicht allein sind, also keinesfalls „selbst schuld“ sind, weil sie nicht auf sich aufgepasst haben. Gerade Depressionen sind heute gut behandelbar.

 

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