Einblicke in digitale Gesundheitsanwendungen für Menschen mit Depression

Der Großteil der Menschen nutzt weltweit das Internet und Gesundheit steht im Fokus vieler dieser Aktivitäten (Ahadzadeh et al., 2015). Demzufolge werden Self-Monitoring und Selbstmanagement immer wichtiger (Hartmann et al., 2019) und digitale Gesundheitsinterventionen stellen ein erfolgsversprechender Weg dar, depressive Menschen zu unterstützen (Radovic et al., 2018). Bisher waren Untersuchungen webbasierter Interventionen hauptsächlich auf die Effektivität der Behandlung und die Veränderung der Symptome fokussiert (Andersson et al., 2014), aber es wurde wenig Forschung dazu durchgeführt, welche Einstellung Menschen gegenüber digitalen Gesundheitsapplikationen haben und inwieweit sie diese annehmen.

Um diese Fragen in Bezug auf SELFPASS zu klären, wurde 2019 eine Evaluationsstudie mit Teilnehmern aus Berlin und Heidelberg durchgeführt. An dieser nahmen 98 Personen teil, von denen ungefähr ein Drittel depressive Symptomatiken aufwies. Die Teilnehmer bekamen Zugang zu einer Testversion von SELFPASS, die sie an fünf aufeinander folgenden Tagen nutzten. Sowohl nach der ersten als auch der letzten Nutzung füllten sie einen Fragebogen bezüglich ihres Eindrucks von SELFPASS aus.

Abgefragt wurden fünf Aspekte:

  • Usability (USA): ob SELFPASS angenehm zu bedienen und leicht einzusetzen ist
  • Vertrauen (TR): ob die Anwender SELFPASS vertrauen
  • Eignung (TTF): ob SELFPASS für seine Aufgabe gut geeignet ist
  • Einstellung (ATT): ob die Anwender SELFPASS gegenüber eine positive Einstellung haben
  • Nutzungsabsicht (INT): ob die Anwender SELFPASS nutzen würden

Dabei wurde nicht nur untersucht, wie SELFPASS hinsichtlich dieser Aspekte bewertet wird, sondern auch, ob diese Aspekte Einfluss auf einander nehmen – ob also zum Beispiel eine angenehme Bedienbarkeit dazu führt, dass Menschen vorhaben, die Anwendung zu nutzen.

Es zeigte sich, dass die Usability den größten Einfluss auf die Einstellung und die Nutzungsabsicht besitzt. Demnach ist es von zentraler Bedeutung bei der Entwicklung von therapeutischen Anwendungen für Menschen mit Depression der Usability einen hohen Stellenwert beizumessen. SELFPASS erreicht insgesamt bereits eine gute Bewertung der Usability. Die depressiven Studienteilnehmer bewerten die Usability nach der fünftägigen Nutzung im Durchschnitt deutlich schlechter als am ersten Nutzungstag, wobei diese Entwicklung bei den gesunden Teilnehmern nicht zu erkennen ist. Dies lässt darauf schließen, dass unter den Depressiven eine Gewöhnung an SELFPASS und an den Umgang mit dem System eingetreten ist.

Ähnlich wie die Usability haben auch Vertrauen und Eignung einen positiven Einfluss auf die Einstellung. Das Vertrauen verbessert sich über die fünftägige Nutzung deutlich. Dies zeigt, dass Vertrauen in digitale Plattformen mit Gesundheitsbezug erst über die Nutzungsdauer aufgebaut wird und nicht sofort existiert. Auch die Bewertung der Eignung verbessert sich unter den Teilnehmern mit Depression im Verlaufe der Nutzung. Dies legt den Schluss nahe, dass die Nutzer im Verlaufe der Verwendung der Plattform einen Mehrwert von SELFPASS erkennen und zeigt, dass SELFPASS seiner Aufgabe des Selbstmanagements von Depression gerecht wird. Dies geht einher mit dem Phänomen, dass dieser Trend bei den gesunden Teilnehmern nicht zu erkennen ist. Sie sind gesund, haben keinen Leidensdruck und erkennen naturgemäß weniger Nutzen und Verbesserung in SELFPASS, weshalb sich auch die Eignung über die fünf Tage kaum verändert.

Einen ähnlichen Kurvenverlauf zeigt das Konstrukt Einstellung. Die an Depression erkrankten Teilnehmer zeigen über die Nutzungsdauer eine Verbesserung der Einstellung gegenüber SELFPASS, wobei die der gesunden Teilnehmer leicht abnimmt. Daraus kann geschlussfolgert werden, dass Menschen mit Depressionen grundsätzlich eine positive Einstellung gegenüber E-Health-Applikationen wie SELFPASS haben.

Die Einstellung zeigt einen positiven Effekt auf die Nutzungsabsicht. Insgesamt nimmt die Nutzungsabsicht über die 5 Tage ab, was die Notwendigkeit aufzeigt, weitere Elemente in SELFPASS zu integrieren, die größere Motivation und Therapietreue fördern. Eine Möglichkeit stellt Gamification dar: die spielhafte Aufbereitung des Inhalts.

Insgesamt haben die Aspekte Usability, Vertrauen und Eignung eine positive Wirkung auf die Einstellung gegenüber SELFPASS und die Einstellung wiederum wirkt positiv auf die Nutzungsabsicht. Die Usability zeigt dabei den größten Einfluss und sollte daher bei der Entwicklung von Selbstmanagementsystemen für Menschen mit Depression besonders berücksichtigt werden.

Für alle Statistik-Interessierte befindet sich anbei das zugrunde liegende Strukturgleichungsmodell der Beziehungen zwischen den untersuchten Konstrukten:

Quellen
Ahadzadeh, A. S., S. Pahlevan Sharif, F. S. Ong and K. W. Khong (2015). “Integrating health beliefmodel and technology acceptance model: an investigation of health-related internet use.” Journal of Medical Internet Research 17 (2), e45.
Andersson, G., P. Cuijpers, P. Carlbring, H. Riper and E. Hedman (2014). “Guided Internet-based vs. face-to-face cognitive behavior therapy for psychiatric and somatic disorders: a systematic review and meta-analysis.” World Psychiatry: Official Journal of the World Psychiatric Association (WPA) 13 (3), 288–295.
Hartmann, R., C. Sander, N. Lorenz, D. Böttger and U. Hegerl (2019). “Utilization of patient-generated data collected through mobile devices: insights from a survey on attitudes toward mobile self-monitoring and self-management apps for depression.” JMIR Mental Health 6 (4), e11671.
Radovic, A., T. Gmelin, J. Hua, C. Long, B. D. Stein and E. Miller (2018). “Supporting our valued adolescents (sova), a social media website for adolescents with depression and/or anxiety: technological feasibility, usability, and acceptability study.” JMIR Mental Health 5 (1), e17.

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